Salah Naoura “Dilip und der Urknall und was danach bei uns geschah”

Mit freundlicher Genehmigung des Tectum Verlag der Wissenschaften, Marburg. Der Text erschien erstmals 2014 in Andra Riemhofer, Interkulturelle Kinder- und Jugendliteratur : Lesen auf eigene Gefahr und wird hier gekürzt wiedergegeben:

Märchenberichtigungen: Das indische Adoptivkind Dilip

In welch unterschiedlichen Universen Rezipienten unterwegs sein können, daran wird man mit der FAZ-Rezension zu Salah Naouras Buch Dilip und der Urknall und was danach bei uns geschah (2012) erinnert: „Auch Papa macht Gedöns : Ein Vater, der seinen Sohn und seinen Adoptivsohn unter Leistungsdruck setzt und schließlich selbst scheitert: Salah Naouras Kinderbuch ‘Dilip und der Urknall’ wirkt wie zur Gitarre gesungen“ betitelt Fridtjof Küchemann seine Besprechung. Die FAZ findet das berufliche Scheitern des Bankers nicht gut bearbeitet — in seiner interkulturellen Lesart ist das Buch ein Juwel:

Dilip und der Urknall und was danach bei uns geschah
Dilip und der Urknall und was danach bei uns geschah

Antons Eltern wollen ein Kind adoptieren. Wenn es nach dem Vater geht, am besten einen Jungen im Alter seines Sohnes, damit der mit Anton Fußball spielen kann. Leopold ist ein leistungsorientierter Banker, der — im Gegensatz zu seinem in den Tag hineinlebenden Vater Gert — großen Wert auf finanzielle Sicherheit und Status(symbole) legt. Seine Leidenschaften sind Fußball und sein neuer Mercedes, den er sich in Aussicht auf eine noch besser bezahlte Anstellung nebst Einfamilienhaus leistet. Anton spielt eigentlich gar nicht gerne Fußball, er spricht lieber „Märchenberichtigungen“ auf Kassette. Die Mutter Hanna, Apothekerin und seit Antons Geburt als Hausfrau unterfordert und gelangweilt, besteht auf einem Mädchen.

„Den oder keinen!“

Im Kinderheim angekommen erwärmt Hanna sich jedoch spontan für einen Jungen „mit einem leeren Glas in der Hand. Er war barfuß, hatte große, dunkle Augen, braune Haut und pechschwarzes Haar.“ Anton weiß sofort: Der „dunkelhäutige Junge mit dem leeren Glas in der Hand würde [s]ein Bruder werden,“ das spürt er ganz deutlich. Schließlich guckte seine Mutter so „total verliebt“. Dass Dilips verstorbene Mutter aus Kalkutta kam, erfährt man ganz nebenbei. Für Anton ist der Deal klar, als er mitbekommt, dass Dilip wie er neun Jahre alt ist. Der Vater fragt zögerlich, ob man denn nicht lieber einen deutschen Jungen adoptieren wolle, wird aber von seiner Frau in die Schranken gewiesen: „Den oder keinen!“ Das muss bzw. darf Dilip selbst entscheiden. Der schaut sich die Familie an und lächelt, was als Zustimmung zu interpretieren ist.

Dilip spricht nämlich erst einmal nicht. So hilft er auch der Mutter nicht aus ihrer Verlegenheit, als ihr der Name des indischen Elefantengottes nicht mehr einfällt. Die Mutter hat sich zwar auf Dilips Ankunft vorbereitet und sich das Buch Indien auf einen Blick in der Stadtbücherei ausgeliehen, sie kann sich aber beim Anblick von Dilips Ganesha-Poster nicht mehr an den Namen der Gottheit erinnern.

Dieses Nicht-Wissen, Nicht-Alles-Erklären-Können der Adoptivmutter steht in auffälligem Kontrast zu den vermeintlich allwissenden Autoritätspersonen, die den Kinderbuch-Heldinnen sonst oftmals zur Seite gestellt werden, und die die Welt von Armut bis Zwangsheirat zweifelsfrei erklären (können wollen).

Die vermeintliche Ober-Schlauheit von Antons Vaters in Dilip und der Urknall und was danach bei uns geschah wird schon ganz zu Anfang der Geschichte beim Besuch eines indischen Restaurants entlarvt, als er für die Mutter „Vindaloo“ mit „Fenster“ übersetzt. Auffällig vor der Schablone des Mainstream ist auch die differenzierte Darstellung von Dilip als Person und seinem Lächeln, mit dem er auf die Elefantengott-Frage antwortet:


Mein neuer Bruder antwortete mit dem erstaunlichsten Lächeln, das ich je gesehen habe. In Paris gibt es ja dieses berühmte, teure Bild von einer Frau, die Mona Lisa heißt, und angeblich ist ihr Lächeln das rätselhafteste der Welt. Weil man nicht weiß, was es bedeutet. Aber das ist überhaupt nichts gegen Dilip. Wenn er so lächelt wie damals, ist man komplett verwirrt. Eine Sekunde lang dachte ich, sein Lächeln sollte bedeuten: „Ich weiß zwar genau, wie der Gott heißt, aber ich sag’s euch nicht.“ Eine Sekunde später dachte ich, es sollte bedeuten: „Ihr seid so was von dumm, dass ihr das nicht wisst!“ Und wieder eine Sekunde später dachte ich, es sollte bedeuten: „Ich mag das Poster, weil ich manchmal gerne vier Arme hätte, aber mit Götternamen kenn ich mich nicht aus.


In Dilip wird also nicht — wie bei Marie-Thérèse Schins — das Klischee des dauer-grinsenden Inders weitergetragen. Sein Lächeln wird vielmehr als Facette seiner Persönlichkeit beschrieben. Nur einmal lässt Naoura Dilip grinsen, sodass „seine großen weißen Zähne aufblitzten“ — nämlich, als die Jungs sich am ersten Abend gemeinsam vor den Spiegel stellen und ihre Gesichter vergleichen. Anton, dessen Zähne nicht so schön funkeln wie Dilips, beschließt, seine in Zukunft abends etwas länger zu putzen.

Insgesamt findet Dilips äußeres Erscheinungsbild genau an zwei Stellen Erwähnung.

Einmal bei der ersten Begegnung im Kinderheim und einmal in der gerade beschriebenen Spiegel-Szene: „Links dunkelbraune Haut, schwarze Haare, braune Augen, breite Nase. Rechts helle Haut, blonde Haare, blaue Augen, schmale Nase — alles genau wie bei Mama.“ Im Gegensatz zu Kirsten Boies Paule ist ein Glücksgriff (1985) wird die Hautfarbe des Adoptivkindes vom Großvater nicht mit „ist der in Schokolade gefallen?“ o.ä. kommentiert, sondern findet bei der ersten Begegnung keinerlei Erwähnung. Auch Boies Paule wünscht sich einen Fußball spielenden Bruder. Allerdings legt der (noch) Wert auf ein braunes Kind, das — wenn es schon ein Mädchen sein muss — „wenigstens auss[ieht] wie er.“

Die Figuren in Dilip und der Urknall scheinen etwas entspannter, was Hautfarben angeht, und eine ‘Schwarz-Weiß-Zeichnung’ steht gerade nicht im Mittelpunkt der Erzählung. Vielmehr spielt Naoura immer wieder dezent auf Farbsymbolik an und untergräbt gängige (rassistische) Konnotationen.

Dilip kann auch ohne Worte reden

Der Vater der gerade zusammenwachsenden Familie wird so langsam nervös, und fragt sich, ob der Junge überhaupt sprechen kann. Immerhin nickt das Kind, als die Eltern es bei ihrem ersten gemeinsamen Essen im Restaurant India House etwas fragen (und wackelt — nebenbei bemerkt — nicht exotisch-befremdlich mit dem Kopf). Anton stört es nicht, dass sein neuer Bruder nicht spricht. Dilip kann auch ohne Worte reden. Manchmal wenn Dilip ihm zuzwinkert, kommt es dem Jungen vor, als habe der gerade eine spannende Geschichte erzählt. Bisweilen verzieht Dilip nur kurz die Nase, und Anton weiß sofort, was er meint. Und überhaupt „quatscht[.]“ ihm Dilip so auch nicht ständig dazwischen, wenn er etwas erzählt — und Anton erzählt gerne.

Für Naoura ist Anton, wie man in einem Interview erfährt, „im Grunde ein Anarchist“. Anton reflektiert regelmäßig den Begriff „normal“ (normalerweise geht der Vater in die Bank, normalerweise darf der Schulrasen nicht betreten werden…) und listet für das Schulpersonal auf, was alles verboten ist (auf dem Pausenhof herumrennen, im Klassenraum essen,…). Anton sehnt sich wie Rapunzel und der internierte Hamster Jan-Ulrich nach „Freiheit“. Stattdessen wird er von seinem Vater unter Leistungsdruck gesetzt und soll Mathematik, Geografie und Botanik büffeln. Naoura will Kinder mit seinem „Buch ermutigen, sich sozusagen Hilfe zu holen und an sich zu glauben.“ Kinder, so Naoura, sollten „ihre eigenen Stärken finden“ und entsprechend gefördert werden.

„Interessant“, ist Dilips erstes Wort

Anton erzählt nicht nur gerne, sondern stellt auch gerne ‘blöde’ Fragen, z.B. wo das Blau im Himmel herkommt. Am dritten Tag nach Dilips Einzug platzt dem Vater die Hutschnur wegen dieser Frage. Ob Anton zur Abwechslung nicht einmal etwas fragen könnte, worauf man vernünftig antworten könne? Auf diese Herausforderung hat sich der Junge anscheinend gut vorbereitet und so konfrontiert er seinen Vater mit einer kniffligen mathematischen Aufgabe, in der sogar „Fußball“ vorkommt. „Interessant“, ist daraufhin Dilips erstes Wort — nur sei die Frage nicht eindeutig gestellt. Und wo er schon mal am Sprechen ist, leitet er auch noch physikalisch her, warum der Himmel blau ist.

Märchen sind ungerecht!

Obwohl Dilip, wie sich herausstellt, hochbegabt ist, ist ihm im Gegensatz zu Anton noch nie aufgefallen, wie unlogisch und ungerecht Märchen manchmal sind. Diese Märchen berichtigt Anton per Kassetten-Aufnahme und schreibt neue Versionen dann in ein großes, braunes Heft. Sein Dornröschen ist nach 100 Jahren Schlaf runzelig und ihr Retter, der schon als junger Prinz in sie verliebt war, ist 117 und kommt im Rollstuhl an. Anton kann sich gut in andere Menschen hineinversetzen und er hat viel Fantasie, tröstet die Lehrerin die Mutter ob Antons wenig ausgeprägter Mathematik-Begabung. Frau Raddatz ist eine unkonventionelle Lehrkraft, die sich melancholisch an die Hippiezeit erinnert, als „junge[.] Leute einfach ihre Meinung [sagten].“

„Ist Müllabfuhr was Schlimmes?“

Wie sich später herausstellt, ist der Vater bei seinem neuen Arbeitgeber genau wegen eines Rechenfehlers gescheitert. Opa Gert kann bestätigen, dass auch Leopold „nie gut in Mathe“ war. Seinen Sohn Anton wollte jener noch mit der Aussicht auf eine Perspektive bei der Müllabfuhr zum Lernen motivieren.

Als die Familie nach dem für einige Zeit vertuschten Jobverlust ihr Eigenheim verkaufen muss, lebt man sich ausgerechnet beim Vater von Antons Freund Marek schnell und gut ein. Birk, ein Müllarbeiter, lebt immer irgendwie im Übergang, zimmert und baut ohne Unterlass an einer bunten und unkonventionellen Heimat. Hat sich Opa Gert noch damit die Zeit vertrieben, Mercedes-Sterne zu Kunst zu verarbeiten, zerquetscht Leopold nach seiner Wandlung als Schrottarbeiter „am liebsten Mercedese“.

…weil die Welt nämlich proppevoll mit Dingen ist, von denen kein Mensch weiß, wo sie herkommen und wozu sie da sind

Zwischen den Kindern kommt es im Laufe der Geschichte noch zu Eifersüchteleien, aber man verträgt sich schnell wieder. Ein gemeinsames Projekt ist, mehr über Indien herauszufinden. Dass Kühe in Indien heilig sind, hat Dilip unlängst im Internet recherchiert. Für Dilip ist es eigentlich nichts Besonderes, nicht genau zu wissen, wo man herkommt. Die Welt sei nämlich „proppevoll“ mit Dingen, von denen kein Mensch wisse, wo sie herkämen und wozu sie da seien. Die Kinder gehen sogar einmal in einen indischen Film. Einige Hinweise deuten auf Farah Khans Om Shanti Om (2007). Dilip findet es „cool“, dass der Film-Held wiedergeboren wird, und Anton findet es „witzig“, dass die Leute in Indien offenbar so viel singen und tanzen.

Was den Affengott Hanuman angeht, gibt es Unmengen von Geschichten. Angeregt durch seine Lieblingsversion phantasiert Anton, wie es in der Nachbarschaft zugehen könnte, wenn es die heiligen Affen auch an seinem Heimatort gäbe. Vielleicht würden dann ja auch mehr Inder_innen in die Gegend ziehen? Das stellt er sich „total toll vor! Ungefähr so:“ Anton imaginiert eine phantastisch anmutende Welt.


Ich staune. Unsere Straße verändert sich immer schneller! Kleine indische Läden machen auf, indische Fahrradtaxis rollen vorbei, und weil es ein sehr heißer Sommer ist, kaufen sich die Leute in den indischen Läden indische Kleider. […]
„Shanti!“, höre ich plötzlich, und als ich mich umdrehe, steht dort Frau Raddatz und lächelt mich an. Sie ist die Einzige, die ihre ganz normalen Sachen trägt: eine Cordhose und eine Bluse mit Blumenmuster drauf. […]
Zwei barfüßige Tänzer mit Göttermasken tauchen auf. Der eine mit Elefantengesicht, der andere mit Affengesicht. Hanuman, der Affengott, tanzt ganz im meiner Nähe!


Dieses Kapitel, als einziges, in dem Anton zu der Geschichte von Dilip und dem Urknall und dem folgenden Geschehen etwas dazu gedichtet hat, rundet die Erzählung ab. Der kindlichen Lust auf Abenteuer wird Rechnung getragen, ohne die Held_innen selbst als Exot_innen zu zeichnen. Der Text ist wunderbar poetisch und die Moral — zumindest in der interkulturellen Lesart — drängt sich nicht auf. Damit entspricht die Erzählung einer Textsorte, die Heidi Rösch wie folgt beschreibt:


Bereits einfache Geschichten für Kinder der (im-)migrierten Kinder- und Jugendliteratur zeigen einen differenzierten Umgang mit Rassismus und seine Behandlung im Kontext von Dominanzkultur; sie durchbrechen das Oasensyndrom, befriedigen die Abenteuerlust durch literarische Mittel (z.B. Fiktionalisierung oder Ironisierung), verlegen die Handlungskompetenz auf die Betroffenen, weisen das Helfersyndrom zurück und harmonisieren — wenn überhaupt — durch interkulturelle Annäherungsprozesse.


Als Plädoyer gegen Normalisierung und für die freie Entfaltung der Persönlichkeit in einer nicht nur toleranten, sondern Diversität begrüßenden Gesellschaft, die eine Klassifizierung der Menschen nach Hautfarben überwunden hat, ist Dilip und der Urknall ein sehr besonderes, herausragendes Buch. Eine solche Diskursvielfalt wie in Salah Naouras Kinderbuch (Leistung, Status, Freiheit und Verbot) kann nicht als repräsentativ gelten.

Die Idee eines Dagegenschreiben, eines „Re-Writing“ — der Begriff, wie er aus den Postcolonial Studies bekannt ist, drängt hier sich geradezu auf — in Form einer Märchenbereinigung könnte im Schulkontext aufgegriffen werden. Welche Geschichten kennen die Kinder und Jugendlichen z.B. über Indien, und wie sind diese zu bewerten? Können oder sollten diese Überlieferungen und Mythen „überschrieben“ werden?

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